Schönheit kann man nur verweigern, wo sie zu
Gewohnheit geworden ist. Doch wo sie im Reich der
Kunst zur Gewohnheit geworden ist, da muss die
verweigert werden. Gewohnheit bewohnt und ergreift
5 Besitz, und sie kann auch das Haus der Kunst so
bewohnen, dass sie, Besitz ergreifend, die Zugänge
versperrt. Kunst ist schön, aber sie verachtet die
Gewohnheit. Die Musik von Bach und von Mozart,
und wie sie alle heissen, ist schön. Aber weg mit Bach
10 und Mozart, wenn sie in gewohnter Bewohnung die
Zugänge versperren.
Was Musik ist und was Schönheit ist, das hat noch
niemand zu sagen gewusst, umfassend und endgültig
niemand. Sagen aber kann man, was beide, indem sie
15 zusammengehören, gemeinsam haben. Musik und
Schönheit haben gemeinsam, dass sie beständig unter-
wegs sind, immer neues suchend, neue Musik, neue
Schönheit. Dabei ist das Schöne der Musik nicht eine
"schöne Melodie" oder eine "schöne Stelle" oder die
20 ses und jenes "Schöne", sondern das Schöne ist die
Musik immer, sofern sie denn wirklich Musik ist. Ihr
Schönes ist, dass sie ein Spiel spielt, das es in der
Alltäglichkeit nicht gibt, und spielen ist schön; und
dass in diesem Spiel ein Sinn sich spielt; und dass die-
25 ser Sinn etwas zu tun hat mit unserem Leben.
Als Spiel eines Suchens von Sinn überdauert die
Musik von Bach und Mozart, und wie sie alle heissen,
ihre Schönheit zu uns hin. Aber das Suchen von Sinn
in unserem gegenwärtigen Leben nehmen sie uns
30 nicht ab. Jede Gegenwart, und das ist ihr Auftrag,
sucht auf vielen Wegen sich selbst auch im schönen
Spiel der Kunst. Dabei ist das neue Schöne niemals
gegen das alte gerichtet, auch wenn es so scheint.
Das neue Schöne vermag das alte Schöne, sein Spiel
35 und seinen Sinn, in unserem Empfinden und
Bewusstsein zu erneuern und zu verändern, aber es
verweigert sich ihm nicht. Das neue Schöne sucht
den Sinn der Gegenwart. Bei diesem Suchen verwei-
gert sich Schönheit, das Finden durch Kunst, dem
40 von Gewohnheit besetzten Haus.
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